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Rezensionen

Ein Chill-Out-Mix aus vorbeitrudelnden Akkorden

Leonora Carrington/Ulrike Haage: Alle Vögel fliegen hoch, alle Schafe fliegen hoch, alle Engel fliegen hoch. Short stories & long songs
Bayern 2, Sonntag, 17.06.12, 15.00 bis 15.53 Uhr

2011 ist sie im Alter von 94 Jahren doch noch gestorben, die regelmäßig als „letzte lebende Surrealistin“ etikettierte Leonora Carrington. Ende der 1930er Jahre war sie mit Max Ernst liiert und mit eigenen Werken bei der großen Surrealismus-Ausstellung 1938 vertreten. Den Wirren des Zweiten Weltkriegs entkam sie nach Mexiko, wo sie ab dann fast ihr ganzes Leben verbrachte, malte, schrieb und Skulpturen schaffte.

„Short stories & long songs“ – der Untertitel ist Programm für das neue Hörspiel der Komponistin Ulrike Haage. Motive aus Carringtons Erzählungen „Die Debütantin“, „Der Unscheinbare“ und „Wie man ein Unternehmen gründet oder der Gummisarkophag“ sind Ausgangsmaterial für die Songs, die Ulrike Haages Hörspiel zu einem Leonora-Carrington-Chill-Out-Mix machen. Das ist die Qualität und zugleich die Problematik des 53-minütigen Stücks. Denn die Betonung liegt hier auf der zweiten Silbe: Chill-Out – denn bei kaum einem Stück wird man durch die sehr loungige Soundspur so oft aus der verrätselten Erzählung herausgeworfen wie hier. Immer wieder wird man auf verführerischste Weise durch die Musik eingelullt und von den surrealistischen Bildwelten der Leonora Carrington abgelenkt, von jenen „zarten Melodien und vorbeitrudelnden Akkorden“, wie sie die Pressemitteilung des Bayerischen Rundfunks (BR) zu diesem Hörspiel verspricht. Und da verspricht sie nicht zu viel.

Umso anstrengender ist es, die Aufmerksamkeit und kritische Distanz auf die Texte zu lenken, die Ulrike Haage miteinander verschränkt. Da ist die Geschichte der Debütantin, die einer Hyäne aus dem Zoo Französisch beibringt, während die Hyäne ihr ihre Sprache beibringt. Für den Debütantinnenball tauschen die beiden dann die Rollen, auch wenn die Hyäne etwas streng riecht. Oder die Geschichte von dem Zauberer, der einem Graumagier nachstellt, denn die graue Magie ist gegenüber der weißen und der schwarzen die gefährlichste von allen. Oder die von dem Picknick mit dem adligen Lord Popocatépetl und seinem engsten Freund, dem Vicomte Districto Federal, auf einem Licht- und Energiefriedhof. Angereichert mit Intermezzi und Interludien aus Abzählreimen und Nonsensgedichten Edward Lears, eines Zeitgenossen von Lewis Carroll, kapituliert man irgendwann vor der Fülle des Materials und hört einfach weg. Will heißen, man nimmt Bernhard Schütz, Antye Greie und Ken Yamamoto nicht mehr als Textlieferanten, sondern vor allem als Stimmen wahr, als integrale Bestandteile einer großen Musikstruktur.

Leonora Carrington ist nicht die erste bildende Künstlerin, der Ulrike Haage ein Hörspiel widmet. Schon die Bildhauerin Louise Bourgeois („ding fest machen“, BR 2003) und die Konzeptkünstlerin Eva Hesse („Alles aber anders. 12 musikalische Miniaturen über Eva Hesse“, BR 2009) erfreuten sich ihrer Aufmerksamkeit. „Leonora Carrington“, heißt es zu Beginn des Stücks, „raucht so viel, dass sie eines Tages zu Zigarrenrauch verdampfen wird“ – ein Genuss, der in seiner Flüchtigkeit besteht wie dieses Hörspiel.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 26/2012

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Über Hörspielkritik

Jochen Meißner, Hörspielkritiker. Autor und Herausgeber von Texten und Radiosendungen zu Theorie und Geschichte des Hörspiels.

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