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Hörspieltipps

Einladung für Angestellte

Die kleine Radiovorschau, 29. Juni bis 5. Juli 2012

Wenn ein Kind zur Welt kommt, ist es öfter als man denkt weder Junge noch Mädchen, sondern beides. Eltern und Chirurgen treffen dann meist eine Entscheidung, die das gesamte weitere Leben des Kindes bestimmen wird. Auf Verstümmelung im Säuglingsalter folgen Hormongaben für die Heranwachsenden, um sie in ein normiertes Raster zu pressen. Erwachsene hingegen gelten nicht selten als abartig, wenn sie sich aus freiem Willen für den Geschlechterwechsel entscheiden. Aber auch in bezug auf sexuelle Identität und soziales Geschlecht trifft man im 21. Jahrhundert allerorten auf erschreckende Borniertheit. Im Hörspiel »Tomboy« griff Thomas Meinecke bereits 1998 diese Thematik auf. Er konzentriert sich auf den Blickwinkel der gender studies und läßt antike Kirchenväter wie moderne Feministinnen aus ihren Texten sprechen (heute Fr., 21 Uhr, BR 2).

Bei »100 Fragen an Heiner Müller« nehmen Thomas Ober­ender und Moritz von Uslar den 1995 gestorbenen Schriftsteller postum ins Kreuzverhör (Fr., 23 Uhr, WDR 3). Der nächste Hörspieltermin auf der Welle (Sa., 15 Uhr) bietet dann Heiner Müllers »Mauser« von 1992.

»Die Einladung« ist ein genial komisches Hörspiel von Sabine Wen-Ching Wang. Der Angestellte Paul wird vom Chef nach Hause zum Essen eingeladen. Die Abreise aber kommt gar nicht zustande. Für Paul stinkt der Blumenstrauß, den seine Frau als Präsent ausgesucht hat, plötzlich nach Tod und Verwesung. Von da ab verläßt er die Wohnung nicht mehr, in endlosen Wiederholungschleifen plant er die kniggekonforme Ankunft. Seine Frau macht mit, während Pauls kleine Schwester die beiden mit Dosengerichten versorgen muß. Es wird viel mit Selbst- und Fremdwahrnehmung gespielt, auch wenn das Ehepaar bald gar nichts mehr wahrzunehmen scheint (So., 15 Uhr und Mo., 20 Uhr, BR 2)

Wenn sich Karl Marx und Sigmund Freud bemäntelt und mit nackten Beinen vor einem Mädcheninternat treffen, kann das nur etwas Gutes bedeuten; dann befindet man sich nämlich im Stück »Solo für Carlos und Sigismund« von Marco Anto Parra. 1988 produzierten SR und HR mit Jörg Jannings als Regisseur, Hilmar Thate in der Rolle von Carlos sowie George Tabori als Sigismund den Theatertext als Hörspiel (So., 17 Uhr, SR 2).

Das HdM April, Dietmar Daths für Volker Zander und Thomas Weber verfaßtes »Ovale Fenster« über Helmholtz als Sinnesphysiologen, sendet der DLF leicht gekürzt am Dienstag um 20 Uhr. Und wer bei Funk sofort funky assoziiert kann, sollte »funky yards« einschalten (Mi., 21.33 Uhr, Dkultur).

Rafik Will, 29.06.2012 junge Welt

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