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Hörspiel des Monats

Hörspiel des Monats November 2012

Wolfram Höll: Und dann
Regie: Cordula Dickmeiß
Komposition: Tilman Ehrhorn
Redaktion: Stefanie Hoster
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2012
Erstsendung: 20.11.2012
Länge: 38’24”

Die Begründung der Jury

Beinahe über Nacht wird die „Panzerparadenlangenstraße“ zur „Jedentagwagenparadestraße“, auf der nicht mehr die „Panzerparadenlangenstraßenparade“ stattfindet, sondern „Altwestwagen“ nach Osten fahren und wieder zurück. Diese aneinandergereihten Wortschöpfungen reichen aus, um Ort und Zeit von Wolfram Hölls Text „Und dann“ zu definieren. Wir befinden uns in dem transitorischen Raum zwischen zwei Staaten, konkretisiert in einer Plattenbausiedlung, die um ein paar Findlinge gruppiert ist, die ein eiszeitlicher Gletscher verloren hat und die deshalb bei Höll „Verlierlinge“ heißen.

Es ist ein Brüderpaar, etwa im Grundschulalter (ohne jeden kindlichen Naturalismus gespielt von Fabian Busch und Florian Lukas), das seine Welt wie durch ein Kameraobjektiv wahrnimmt, während der Vater (Michael Hanemann) auf die gegenüberliegende Fassade des Plattenbaus Filmbilder seiner Frau projiziert. Die ist ihm ebenso abhanden gekommen wie dem Gletscher die Verlierlinge. Der bruchstückhafte Bewusstseinsstrom der Kinder vermittelt sich über eine rudimentäre Sprache, die dem Hörer Raum zur assoziativen Ergänzung des Textes gibt.

Regisseurin Cordula Dickmeiß hat dem postdramatischen Theatertext des jungen Autors Wolfram Höll (1986 in Leipzig geboren) so überzeugend zu einer radiophonen Form verholfen, dass man ihn sich kaum noch auf einer Theaterbühne vorstellen kann. Gefunden hat das Deutschlandradio den Text beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2012 und sofort zum „Besten Theatertext als Hörspiel“ gewählt und produziert. Das atmosphärisch dichte Sounddesign des Komponisten und Musikers Tilman Ehrhorn wechselt zwischen Trommelschlägen im Rhythmus des Herzschlags und elektronischen Klängen und verleiht der unterschwelligen Traurigkeit, die den Text grundiert, eine eigene akustische Dimension.

Foto Deutschlandradio Anke Beims

Das Stück wird am Dienstag, den 5. Februar um 20.10 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Eine lobende Erwähnung geht an das Hörspiel „Dreileben“ von Gernot Grünewald (RBB/DKultur). Den ohne Manuskript improvisierten Erinnerungen der Schauspieler Marie Seiser, Cornelia Dörr und José Barros Moncada an ihre Gespräche mit drei Menschen an der Schwelle des Todes gelingt – trotz der bisweilen hochdramatischen und tragischen Umstände – ein leichter, natürlicher und manchmal schwarzhumoriger Umgang mit dem Tabuthema Sterben.

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Über Hörspielkritik

Jochen Meißner, Hörspielkritiker. Autor und Herausgeber von Texten und Radiosendungen zu Theorie und Geschichte des Hörspiels.

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