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Festivals, Rezensionen

Größtenteils harmlos

Das Hörspiel beim beim 26. Prix Europa 2012

Mit der wohl missglücktesten Feier in der Geschichte des Wettbewerbs ging am 26. Oktober für den Großteil der Teilnehmer der 26. Prix Europa zu Ende. Was als „Night of the Winners“ angekündigt war, entpuppte sich als zähe Warterei im Lichthof des Berliner Hauses des Rundfunks. Man saß über drei Etagen verteilt an langen Bierbänken, Unterhaltungen waren wegen der halligen Akustik des Raums eher anstrengend und ein kleines Unterhaltungsprogramm war zwar angekündigt worden, fand aber nicht statt.

Als gegen 21.30 Uhr die ersten Listen der Top Ten in den Fernseh-, Radio- und Online-Kategorien des Wettbewerbs verkündet wurden – und gegen 23.30 Uhr endlich die Sieger –, wurden die Gesichter zumindest auf deutscher Seite noch länger. Kein einziger der 16 mit je 6000 Euro dotierten Preise ging nach Deutschland. Die beste Platzierung eines deutschen Beitrags war eine „Special Commendation“ für das Radiofeature „Der Richter und die Opfer – Das mühsame Ringen um die Ghettorenten“ von Julia Smilga, eine Koproduktion von Bayerischem Rundfunk (BR) und Westdeutschem Rundfunk (WDR).

Die Glücklichen, die sich am nächsten Morgen zur offiziellen Preisverleihung in der Russischen Botschaft einfinden durften, bekamen dann aber doch noch eine deutsche Preisträgerin in zu sehen: Die Filmproduzentin Regina Ziegler wurde vom Prix Europa für ihr Lebenswerk geehrt. Und eine der preisgekrönten Produktionen dürfte dem hiesigen Publikum ebenfalls bekannt sein: Die fünfteilige schwedische Krimiserie „Die Brücke – Transit in den Tod“ (Buch: Hans Rosenfeldt, Regie Charlotte Sieling), die im Frühjahr im ZDF zu sehen war, war nach Meinung der Fachkollegen die beste TV-Fiction 2012.

Ob die Wahl des Veranstaltungsorts so glücklich war, sei dahingestellt, schließlich gilt Russland nicht gerade als Hort der Meinungs- und Pressefreiheit, und so forderten denn auch gleich drei Preisträger „Free Pussy Riot“ oder widmeten ihren Preis der Frauenpunkband, deren drei Mitglieder wegen eines umstrittenen Anti-Putin-Auftritts in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zu mehrjähriger Lagerhaft verurteilt worden waren (ein Mitglied ist inzwischen aber wieder frei.)

Wenn es auch keine heimischen Preisträger zu feiern gab, so konnten doch wenigstens zwei deutschsprachige Beiträge, einer aus Österreich und einer aus der Schweiz, die Radiokategorien für sich entscheiden. Zum besten Feature wurde die ORF-Produktion „Holiday for Life – Über die Pflege europäischer Demenzkranker in Thailand“ gewählt; Autorin des Stücks ist Franziska Dorau. Bestes Hörspiel wurde die satirische Farce „Category 5: Wie ich Fats Domino aus dem Hurrikan ‘Katrina’ rettete“ von David Zane Mairowitz, die der Schweizer Rundfunk SRF produziert hatte. Nach seinem Stück „Im Krokodilsumpf“ (2005) war es bereits der zweite Prix Europa für Mairowitz.

Von den deutschen Hörspielproduktionen im Wettbewerb schaffte es keine auch nur unter die Top Ten: weder „Mörder“ (DLF/SWR) von Agnieszka Lessmann, die mit diesem Stück immerhin eine der drei Finalistinnen beim Hörspielpreis der Kriegsblinden 2012 war, noch „Luft“ (RBB) von Eugen Martin, dessen Hörspiel Teil eines an der Berliner Universität der Künste veranstalteten Schreibprojekts über die fünf Elemente war, noch die vom Deutschlandfunk urgesendete freie Produktion „Schöne Welt, wo bist du? Wege zu Johann Joachim Winckelmann“ von Jean-Claude Kuner.

Insgesamt herrschte in der Hörspielkategorie gepflegte Langeweile bei dem auf fünf Tage und 31 Stücke verkürzten Wettbewerb. Der sechste Tag war der Präsentation innovativer Konzepte gewidmet. Der Preis für die beste Radio-Innovation ging an das ortsbasierte Projekt „Hackney Hear“ – eine iPhone-App, mittels der man im Londoner Stadtbezirk Hackney per GPS getriggerte Musik, mit Kunstkopf aufgenommene Umgebungssounds und „moving stories on the move“ hören kann. Das Smartphone als Empfangsgerät sowie medienübergreifende Konzepte mit Event-Charakter und Internet-Anbindung gelten als das nächste große Ding für das akustisch basierte Medium, das man gegenwärtig noch Radio nennt.

Um das Hörspiel wird man sich aufgrund technischer Weiterentwicklungen des Mediums wohl keine Sorgen machen müssen. Im Theater und im Kino, ja selbst im Fernsehen sind die Formen des visuellen Erzählens auch immer wieder neu erfunden und weiterentwickelt worden. Sorgen machen muss man sich erst, wenn man sich in den Sendeanstalten keine Gedanken mehr darüber macht, was eigentlich radiophon ist beziehungsweise sein soll. Denn nur mit einem Output an Me-too-Produkten wie zum Beispiel Roman-Adaptionen oder Theaterbearbeitungen wird es schwer sein, das Profil zu schärfen und letztendlich seine Existenz zu legitimieren.

Leider merkte man vielen Stücken des diesjährigen Wettbewerbs an, dass sie im Grunde wenig mehr sein wollten als harmlose Sendeplatzfüller. Konventionelle Hörspiele über Krankheit und Sterben, mit denen das Kulturradio gedankliche Tiefe simuliert, werden beim Prix Europa immer gern genommen – als hätten die Britin Sally Nicholls („Wie man unsterblich wird“) und das deutsche Theaterkollektiv She She Pop („Testament“) nicht demonstriert, wie man auf ebenso ernsthafte wie berührende Weise mit dem Thema Sterben umgehen kann.

Oberflächenreize ohne Sinn

Ärgerlichster Beitrag war hier „Skuggor“ („Schatten“), ein Hörspiel des schwedischen Dramatikers Lars Norén. In dem Stück über Krebspatienten im Endstadium, die so triviale Sätze reden, dass sie erst durch viele, viele Pausen mit Bedeutung aufgeladen werden können, erfährt man völlig unvorbereitet kurz vor Schluss, dass die Familie eines der Akteure in den Gaskammern der Nazis umgekommen sei. Jeder achtsame Lektor hätte den entsprechenden Satz streichen müssen, da er komplett überflüssig war. Doch es war nicht das einzige Mal, dass eine unvermittelte Provokation (gern ein Hitler- oder Stalin-O-Ton) als Sound-Icon in ein Hörspiel platziert wurde, ohne dass es dafür einen Grund gab. Wie ein onomatopoetischer „Bang“ in einem Comicstrip ploppen solche Zitate plötzlich hoch und verschwinden ebenso schnell wieder. Oberflächenreize ohne Sinn und Verstand.

Wenigstens in den Kinderhörspielen bemühte man sich ein wenig um Plausibilität und zudem um erzählerische und akustische Innovationen. Verdienterweise wurde denn auch das für den niederländischen Rundfunk frei produzierte Stück „1-Minuutjes“ („Ein-Minuten-Stückchen“) von Stefanie Visjager und ihren Koautoren mit dem Preis für Serien und Mehrteiler ausgezeichnet.

Außerdem trafen beim Prix Europa mal wieder actionreiche Krimi-Serien (auch gerne die aus Skandinavien) auf die üblichen well made plays aus dem angelsächsischen Raum. Ein paar Stücke bemühten sich um politische Relevanz, wie etwa der Vierteiler „Mässajad“ („Die Rebellen“) von Roy Strider aus Estland, dessen schwacher Text aber auch durch die Regie von Andres Noormets, Prix-Europa-Preisträger im Jahr 2010, nicht zu retten war. Das Stück spielt unter anderem am Rande des G8-Gipfels von Heiligendamm (2007), und so konnte man das Vergnügen genießen, Nicht-Muttersprachler deutsche Befehle bellen zu hören.

Das Radio wird von Demenz geplagt

Die deutsche Sprache konnte man zudem in dem rumänischen Hörspiel „Suzana“ der jungen auch international erfolgreichen Autorin Ilinca Stihi hören. Der rumänische Rundfunk produziert übrigens auch abseits des Kulturradios für seine ethnischen Minderheiten Programmteile auf Deutsch und Ungarisch. „Suzana“ war unter den formal sonst eher wenig experimentierfreudigen Einreichungen des Jahres 2012 ein widerborstiges Stück Hörspiel, dem man anmerkte, dass es nicht Teil eines wohltemperierten Begleitprogramms sein will. Die Autorin und Regisseurin schaffte es sogar, in ihrem zu einem akustischen Faltengebirge aufgetürmten Sounddesign Kristalladern mit Pink-Floyd-Musik aufblitzen zu lassen, ohne dass es peinlich wirkte. Das Hörspiel basiert auf einer Idee des Filmemachers Werner Herzog und Texten aus dem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ des Frühromantikers Novalis.

Mit Pink Floyd dürfte auch die Generation musikalisch sozialisiert sein, die sich langsam dem gefährlichen Alter von Alzheimer und Demenz nähert. Anders als thematisch ähnlich gelagerte Stücke setzte sich Peter Blegvad in seiner freien, auf dem BBC-Feature-Termin „Between the Ears“ ausgestrahlten Hörspielproduktion „Use it or lose it“ auf humoristisch-radiophone Art und Weise mit dem krankheitsbedingten Vergessen auseinander. In diesem Stück wird das Radio selbst von Demenz geplagt und kriegt seine eigenen Anmoderationen nicht mehr so richtig hin. „Wenn man vergisst, wer man gewesen ist, kann man jemand anderes werden“, ist das hoffnungsvolle Fazit des Hörspiels. Vielleicht nicht die schlechteste Voraussetzung für den 27. Prix Europa im nächsten Jahr.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 45/2012

Ein ausführlicher Bericht zum Prix Europa läuft am Samstag, den 1. Dezember um ca. 21.15 Uhr nach dem Handke-Hörspiel „Gehen im Herzland“ und den Pausentexten aus „Kaspar“ im Deutschlandfunk (DLF).

Mit Ausschnitten aus:

Katinka Baehr, Stefanie Visjager, u.a.. 1-Minuutjes (Niederlande)
Peter Blegvad: Use it or Lose it (Großbritannien)
Antonio Fian: Hennir (Österreich)
Jean-Claude Kuner: Schöne Welt, wo bist du? Wege zu Johann Joachim Winckelmann (Deutschland)
Agnieszka Lessmann: Mörder (Deutschland, DLF)
David Zane Mairowitz: Category 5: Wie ich Fats Domio aus dem Hurrikan Katrina rettete (Schweiz)
Eugen Martin: Luft (Deutschland, RBB)
Lars Norén: Skuggor (Schweden)
Ilinca Stihi: Suzana (Rumänien)
Roy Strider: Mässajad (Estland)

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Über Hörspielkritik

Jochen Meißner, Hörspielkritiker. Autor und Herausgeber von Texten und Radiosendungen zu Theorie und Geschichte des Hörspiels.

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