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Hörspiel des Monats

Hörspiel des Monats Dezember 2014

Nachtgeschwister, provisorisch

Vom Wolfgang Hilbig und Natascha Wodin
Regie: Ulrich Lampen
Komposition: Steffen Schleiermacher
Produktion:  MDR/DLR 2014
Ursendung: 01.12.2014, MDR FIGARO
Länge: 78’55”

Die Begründung der Jury

„Nachtgeschwister, provisorisch“ ist ein ganz besonderer literarischer Dialog – ein In-Beziehung-Setzen von Literatur, eine Chronik und Aufarbeitung der Beziehung einer westdeutschen Autorin und eines ostdeutschen Schriftstellers. Zwei literarische Texte werden im Hörspiel „Nachtgeschwister, provisorisch“ in Dialog miteinander gebracht: Die 1945 in Fürth geborene Autorin Natascha Wodin veröffentlichte 2009 den Roman „Nachtgeschwister“, in dem sie ihre Beziehung zu Wolfgang Hilbig schilderte und über die Erfahrungen, Bedürfnisse, Glücksmomente und Verstörungen dieser zerstörerischen Liebe schrieb, die dreieinhalb Jahre vor dem Mauerfall begann. Im Jahr 2000, ein Jahr vor seinem Tod, hatte der lange Zeit in der DDR lebende Schriftsteller Wolfgang Hilbig seinen Roman „Das Provisorium“ verlegt, ein gleichermaßen in den Bann ziehendes wie verstörendes Buch über eine krisengeschüttelte, von existentieller Unsicherheit und Alkoholexzessen geprägte literarische Figur, hinter der unschwer der Autor selbst und seine Beziehung zu Natascha Wodin aufscheinen.

Das Schreiben über Kollegen, über intime Beziehungen, ist, wie man durch jüngere Beispiele wieder erfahren hat, hochgradig heikel. Wann ist es statthaft, über zärtliche Liebe, die immer wieder in Gewalt umschlägt, über Obsession und Schreibhemmung, über Eifersucht und Rausch zu publizieren? Der Einblick in solche intimen Verbindungen scheint nur dann gerechtfertigt, wenn eine hohe ästhetische Verdichtung stattfindet. Für beide Romane, vor allem für Hilbigs „Provisorium“, wurde dies bereits mehrfach bescheinigt.

Es ist das Verdienst der beiden Schauspielerinnen Anja Schneider und Daniela Holtz als „HörspielBearbeiterinnen“ die beiden vorliegenden Texte in einen intensiven Dialog miteinander zu bringen. Dieses Experiment hatten sie bereits auf die Bühne gebracht, im akustischen Medium nun geben Martina Gedeck und Christian Redl der zunehmend verstörten „Sie“ und dem seine Kräfte zerstörenden „Er“ Ausdruck. Ein intensives Hörspiel um eine amour fou ist entstanden, gleichermaßen menschlich schockierend wie ästhetisch faszinierend.

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