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Hörspiel des Jahres, Hörspiel des Monats

Rückblick auf das Hörspieljahr 2012

Sehr geehrter Herr Kubin, sehr geehrte Frau Agathos, liebe Frau Ginten, lieber Herr Dr. Buggert, liebe Frau Hoster, sehr geehrter Herr Hückstädt, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

ich begrüße Sie sehr herzlich zur Preisverleihung. Sie haben es schon gehört, mein Name ist Berit Schuck, ich war 2012 zusammen mit Rafik Will und Jochen Meißner Mitglied der Jury „Hörspiel des Monats“. Rafik Will musste aus persönlichen Gründen für heute leider absagen, Jochen Meißner sehen Sie hier (unten im Publikum). Sie hören ihn gleich im Anschluss mit der Begründung für unsere Wahl des Hörspiels „Orphée Mécanique“ zum Hörspiel des Jahres 2012. Ich darf den Machern dieser akustisch perfekt ausbalancierten Suche nach Orpheus schon jetzt herzlich gratulieren! Doch zuerst möchte ich – kurz – das Hörspieljahr 2012  zusammenfassen.

Wer im Laufe des Jahres unsere Jurybegründungen oder auch die Rezensionen zu den Hörspielen des Jahres gelesen hat – Sie können sie noch immer auf der Website der Akademie und auf unserem Blog finden – wird sich erinnern, dass wir im Januar 2012 Katrin Molls halbdokumentarisches Hörspiel „Die Gaza-Monologe“ (D-Kultur) dafür lobten, einen oft diskutierten politischen Konflikt in einer „neuen Sprache“ verhandelt zu haben. Basis des Hörspiels waren Texte von Jugendlichen aus Gaza und Berlin. Im Februar entschieden wir uns, nicht nur formal betrachtet, für das komplette Gegenteil, nämlich für Till Müller-Klugs „Europa – eine Plagiate-Saga“ (WDR): ein kurzweiliges Spiel mit den Kopien, Plagiaten und „Inspiraten“ (Till Müller-Klug) des aktuellen Politik-Betriebs. Im Monat darauf wählten wir Felix Kubins „Orphée Mécanique“ (BR) zum Hörspiel des Monats, ein philosopisch-akustisches Projekt, das mit verräterisch ekstatischer Fröhlichkeit die ewige Wiederkehr des Gleichen feiert, im April stimmten wir für „Ovale Fenster“ (SWR) von Thomas Weber und Volker Zander, einen „Hirnwettlauf im Allerhörbarsten“ nach Texten von Dietmar Dath und Hermann von Helmholtz mit klangvoll-irritierenden Sounds des „Kammerflimmer Kollektiefs”. Heinz von Cramers letztes Hörspiel „Unerwartete Ereignisse“ (HR) trug im Mai den Sieg davon. Das Originalhörspiel über den Untergang des Abendlands, seiner Erbauer und Apologeten war zu klug und akustisch zu verführerisch, um nicht Hörspiel des Monats zu werden, trotz starker Konkurrenz. Dann brach der Sommer an.

Im Juni überzeugte uns „Domino“ (MDR), Christof Buggerts kühl komponierte Reflexion über das Gewaltpotenzial von Familie und anderen Beziehungsgeflechten. Im Juli fiel unsere Wahl auf Ferdinand Kriwets „Rotoradio“ (D-Kultur), ein Hörspiel, das einen interpunktionslosen Fließtext des Künstlers aus dem Jahr 1961 neu interpretiert. Kriwet hatte seinen Text für das Hörspiel selbst neu montiert, auf ein junges Sprecherensemble verteilt und überwiegend chorisch umgesetzt. Kriwets Montage, Besetzung und Regie begeisterten uns, sie gefielen uns sehr. Reich an Geräuschkompositionen, frech in der Umsetzung, trug im August Gabi Schaffners Feature-Hörspiel „Otto Mötö“ (Autorenproduktion / HR) den Sieg davon. Das Hörspiel verhandelt „ernsthaft“ den Einfluss des Sounds von finnischen Traktoren und Gartengeräten auf die Neue Musik in ganz Europa. Im September debattierten wir nach Stéphanie Machais‘ erzähltechnisch vertracktem Hörspiel „Ganz in meiner Haut“ (WDR) lange über den Einsatz der Stimme im zeitgenössischen Hörspiel. Im Oktober setzte sich wiederum ein dokumentarisches Hörspiel durch. Ausgehend von Texten autistischer Zwillinge, unternimmt Gesine Schmidts „Oops, wrong planet!“ erfolgreich den Versuch, Sprachverweigerung hörbar zu machen (Regie Walter Adler). Wolfram Hölls „Und dann“ (D-Kultur) überzeugte uns im November. Die Regisseurin Cordula Dickmeiß entdeckte im Theatertext des jungen Autors ein akustisches Kunstwerk. Die neue Arbeit des Liquid Penguin Ensembles, „Radio Elysée“ (SR), die den Elysée-Vertrag der deutsch-französischen Freundschaft aufgreift, als Sammlung von Handlungsanweisungen interpretiert und als Fluxus-Performance umsetzt, wurde Hörspiel des Monats Dezember, und das nicht nur, weil sie aus der Flut der Romanbearbeitungen herausragte, die uns zum Jahresende einen Hörmarathon bescherten.

Und jetzt noch ganz kurz für die Statistik: Unsere Jury hat im letzten Jahr insgesamt 100 Hörspiele gehört, wovon Thomas Groetz’ „Jürgen Kramer – Dem Tod auf der Spur“ mit gut 36 Minuten das kürzeste und James Joyce „Ulysses“ in der Realisierung von Klaus Buhlert mit ca. 1290 Minuten das längste war.

Vieles ließe sich noch sagen, doch ich werde mich auf zwei Beobachtungen beschränken. Erstens ist aufgefallen, dass das dokumentarische Hörspiel offenbar in seiner historischen Phase angekommen ist, oder besser gesagt, dass es immer häufiger das Dokumentarische selbst zum Thema hat. Seit den Sechzigern – damals revolutionär – verwenden Hörspielmacher O-Töne, seit den Neunzigern lassen sie „echte“ Menschen sich selbst spielen, um die Wirklichkeit im Hörspiel als Teil der ‚objektiven‘ Wirklichkeit auszuweisen. Gabi Schaffners „Otto Mötö“ oder „Radio Élysée“ des Liquid Penguin Ensembles jedoch geben sich gleich ganz als Feature aus oder sind weitgehend aus Feature-Elementen aufgebaut. Sie arbeiten mit Lust daran, neue Realitäten zu erschaffen, jenseits der alten Dichotomien „fiktionales Hörspiel“ und „Feature“.

Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich wenigstens erwähnen, dass wir vieles mehr diskutiert haben als die Einreichungen der Sender. Leider habe ich heute nicht die Zeit, zum Beispiel auf die bemerkenswerten Hörspiele von Anne Lepper und der anderen jungen Hörspielautoren einzugehen, ich werde also nur noch eine zweite Beobachtung vorstellen. Vom Entstehen einer neuer Gattung zu sprechen, erlauben wir uns nicht, aber es ist uns aufgefallen, dass es auffällig viele „Band-Projekte“ gab, also Hörspiele, die ihre Produktionsbedingungen thematisieren und zum Beispiel vom Entstehen eines akustischen Projekts in einem Studio erzählen. Ein gutes Beispiel ist „Bier auf dem Teppich“ von Ulrich Bassenge, das der Autor im Untertitel „Menschenexperiment“ nennt. „Bier auf dem Teppich“ inszeniert den Anfang und Zerfall einer Garagenband und beruht konsequenterweise auf Live-Improvisationen von Musikern und Radiomachern. Ich bin versucht, auch Felix Kubins „Orphée Mécanique“ anzuführen und auf die Unterschiede zwischen „Band-Projekt“ und Musikerhörspiel einzugehen, aber dazu an anderer Stelle mehr.

Das war der Jahresrückblick. Jede und jeder, der mehr erfahren möchte, ist herzlich eingeladen, unser Blog zu lesen, das weiter unter dem Stichwort „Hörspiel des Monats“ im Netz zu finden sein wird, mit allen Artikeln, die wir im Laufe des Jahres 2012 zum Thema zeitgenössisches Hörspiel publiziert haben. Bevor ich an Jochen Meißner übergebe, erlauben Sie mir ein paar Worte des Dankes. Ich möchte mich im Namen der Jury sehr herzlich bei allen Sendern für die Zusendungen bedanken, bei der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste für die Unterstützung unserer Arbeit sowie bei Stefanie Hoster und der Hörspielredaktion des Senders Deutschlandradio Kultur, die großartige Gastgeber waren.

Frankfurt am Main, 16.02.2013

Alle Hörspiele des Monats 2012

Jan D-Kultur Katrin Moll: Die Gaza-Monologe.  Hörspiel nach Texten von Jugendlichen aus dem Gaza-Streifen

44:38

Feb WDR Till Müller-Klug: Europa, eine Plagiate-Saga

54:31

Mär BR Felix Kubin: Orphée Mécanique

49:58

Apr SWR Thomas Weber / Volker Zander: Ovale Fenster. Ein Hirnwettlauf zum Allerhörbarsten

54:38

Mai HR Heinz von Cramer: Unerwartete Ereignisse. Eine schwarze Komödie

50:16

Jun MDR Christoph Buggert: Domino

52:46

Jul D-Kultur Ferdinand Kriwet: Rotoradio

39:09

Aug HR Gabi Schaffner: Otto Mötö. Im Universum finnischer Motorenmusik. Aus den Archiven des Martti Mauri (1935 – 2003)

58:40

Sep WDR Stéphanie Marchais: Ganz in meiner Haut

52:56

Okt DLF Gesine Schmidt: Oops, Wrong Planet

67:10

Nov D-Kutlur Wolfram Höll: Und dann

38:24

Dez SR Liquid Penguin Ensemble: Radio Élysée

67:54


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Über Berit Schuck

Berit Schuck ist studierte Literaturwissenschaftlerin, Dramaturgin und Kuratorin von Kunst-, Theater- und Kulturprojekten.

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