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Rezensionen

Ende eines Sommers

Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez

HR 2 Kultur Mi 28.11. 21.30 bis 22.52 Uhr / Ö1 (ORF) Sa 1.12. 14.00 bis 15.22 Uhr

Im März dieses Jahres ist beim Suhrkamp-Verlag ein etwa 70 Seiten schmaler Band mit einem Text des Schriftstellers Peter Handke erschienen. „Die schönen Tage von Aranjuez“, so der Titel, wurde wenig später auf der Bühne des Akademietheaters – seit 1922 die zweite Spielstätte des Burgtheaters – im Rahmen der Wiener Festwochen uraufgeführt. Hans Haider meinte dazu in der „Wiener Zeitung“ vom 7. Mai, Luc Bondys Inszenierung übertünche den Text mit „Kunstgewerbeschnörkel“ und sei „mit zu viel Requisite“ angelegt. Und Gerhard Stadelmaier schrieb am 17. Mai in der „FAZ“, ihm erschienen die Schauspieler Dörte Lyssewski und Jens Harzer, „als ob beide sich etwas schämten für das, wozu Bondy sie hier missbraucht“. Über diese Zwischenstation also hat das Stück – Untertitel: „Ein Sommerdialog“ – nun ins Radio gefunden und Harald Krewers Inszenierung konzentriert sich ganz auf den Text. Aus Anlass des 70. Geburtstags von Peter Handke (6. Dezember) wurde die gemeinsame Produktion des Hessischen Rundfunks (HR) und des Österreichischen Rundfunks (ORF) nun in deren Programmen ausgestrahlt.

Ein Mann und eine Frau, zeitlose Gestalten, sitzen an einem lauen Sommertag auf einer Terrasse an einem großen Tisch. Sie halten einen gewissen Abstand voneinander. Die umgebungsbeschreibende einleitende Regieanweisung wird von einer Erzählstimme (Dorothée Hartinger) vorgetragen, die im weiteren Verlauf kaum mehr auftaucht. Es ist ein reines Sprechstück, ein „Sommerdialog“ von zwei Personen, Frau und Mann (Stephanie Eidt und Rüdiger Vogler), gehandelt werden darf nur durch den Text. Weitere ganz bestimmte Regeln, die sich der Rezipient nach und nach erschließen kann, liegen diesem Dialog zugrunde: kein bloßes „Ja“ oder „Nein“ als Antwort, keine Kraftausdrücke, keine Zahlen, kein Kummer und kein Gram; zudem darf keiner dem anderen durch Antwortvorschläge die Formulierungsfreiheit nehmen. So sommerlich leicht und locker ist es dann aber doch nicht, was die beiden bereden, und die gesetzten Regeln führen nicht zu weniger Missverstehen in der Kommunikation.

Handke will auch in diesem kurzen Text provozieren. So lässt er den Mann im Interviewstil fragen: „Das erste Mal, du mit einem Mann, wie ist das gewesen?“ Daraufhin schildert ihm die Frau ihr „erstes Mal“ – sie war damals zehn Jahre alt. In der erzählten Erinnerung nimmt sie eine fast schon absurd souveräne Position ein. Nicht Opfer, sondern Bestimmende ist sie beim Zusammensein in einer alten Saline mit ihrem ersten Liebhaber, den sie als von Magie umgebene Silhouette beschreibt. Die übermäßige Aufladung eines kleinen Mädchens mit Sexualität lässt den fiktionalen Charakter der Figur hervorspringen. Es gelingt Stephanie Eidt hier, sich jenseits von Pornografie auf der einen und Opferästhetik auf der anderen Seite zu bewegen.

Auch Rüdiger Vogler überzeugt als Sprecher. Nachdem er am Anfang als aggressiv Vernehmender aufgetreten ist, schwingen bei ihm Wehmut und Melancholie in der Stimme mit, wenn er sich später in romantischen Naturbeschreibungen ergeht. Da redet das eigentliche Gesprächspaar aber schon längst aneinander vorbei. Sie zeigt kein Interesse an einer aktiven Befragung ihres Gegenübers, erläutert stattdessen unter anderem ihre spätere Sexualität: Männer habe sie dabei immer als Komplizen gesehen – für eine unbestimmte Rache. Insgesamt führt die etwas distanzierte und ruhige Art zu sprechen dazu, dass man meint, etwas vorgelesen zu bekommen. Erst am Ende wird die Atmosphäre zwischen Hörbuch und Lesung durch Ambulanzsirenen und einige weitere Geräusche aufgebrochen. Todes- und Schmerzensschreie als Kulisse hat Harald Krewer dankenswerterweise in dieser sonst beinahe textgetreuen Umsetzung weggelassen.

Den Bezug auf den ersten Satz von Friedrich Schillers „Don Karlos“ (1787) sucht Peter Handke wegen dessen Anfang, bei dem Pater Domingo dem Kronprinz Don Karlos in der königlichen Sommerresidenz Aranjuez verkündet: „Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende.“ Der „Sommerdialog“ liegt eben auch an einem Ende, und zwar dem der Junggesellenjahre der beiden Figuren, und er begründet gleichzeitig deren gemeinsame Ehe. Die Themenfelder von Beziehungs- und Kommunikationsproblemen sind zwar schon ziemlich abgegrast, „Die schönen Tage von Aranjuez“ ist in seiner poetischen Art dennoch eine Bereicherung. Aber es bleibt Textvertonung, wird kaum zum echten Hörspiel. Und ob man einen etablierten Autor und dessen Verlag über die klammen Kassen der Hörspielabteilungen der öffentlich-rechtlichen Sender alimentieren sollte, ist eine andere Frage.

Rafik Will – Funkkorrespondenz 51-52/2012

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