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Rezensionen

Märchenhaftes Mosaik

Ergo Phizmiz: Conversations with Birds

Bayern 2 Fr 19.10.2012, 21.03 bis 21.50 Uhr

Ergo Phizmiz ist umtriebig und passt in keine Genre-Schublade, er komponiert, führt Performances auf und ist nicht zuletzt Multi-Instrumentalist und Soundkünstler und er beherrscht die kreative Bearbeitung existierender Songs zu „Mashup“-Musik. Seit längerem ist er auch für den Hörfunk tätig. Nachdem er unter anderem bereits für die BBC, den WDR, und das Deutschlandradio Kultur gearbeitet hat, produzierte der 1980 geborene britische Künstler nun mit „Conversations with Birds“ (als Autor und Regisseur) sein erstes Hörspiel beim Bayerischen Rundfunk (BR).

Ein „ornithologisches Mosaik“, wie es der BR in seinem programmbegleitenden Beitext nennt, ist es aber nicht. Während die Bezeichnung „Mosaik“ sich für die hier angewandte Klanggestaltung und Erzähltechnik sowie ihre Gliederung und die dadurch bedingte Rezeption als treffend erweist, irritiert der gewählte Begriffsbezug zur Ornithologie. Denn mit Wissenschaftlichkeit hat die zwischen darstellender Klangkunst und erzählendem Hörspiel angesiedelte phantastastische Geschichte mit autofiktionalen Elementen nichts zu tun. Auch wenn es um und in die Welt geflügelter Zweibeiner geht.

16 durchnummerierte, kurze erzählerische Einheiten gliedern die Fabel von den vier Vögeln und einem Wetterhahn. Diese Geschichte ist der erste der insgesamt fünf Akte des Stücks, eine englische Mädchenstimme trägt sie vor. Der blaue Vogel (der Anführer) fragt den Wetterhahn auf einem Kirchturm, in welcher Richtung der Wind zu suchen sei. Den Wind wollen die Vögel bitten, nicht mehr in ihre Flugbahn zu wehen – ein vergebliches Unterfangen. Alle Vögel sterben bei der erfolglosen Suche nach dem Wind. Nur der blaue bleibt übrig, sieht den Wetterhahn schließlich im Sturm fallen und am Boden zerschmettern.

Zunächst werden diese 16 kleinen Kapitel nur durch einzelne Töne von Flöten und Tröten separiert. Klang spielt aber eine zunehmend wichtige Rolle, die nicht-sprachlichen Passagen werden länger und begleiten die Erzählung. Gleiches gilt für das Stück in seiner Gesamtheit. Ein wildgewordenes vielspuriges Ensemble aus Harmonium, Akkordeon, Klavier (oder ihren elektronischen Pendats?) vermittelt, ohne illustrativ zu werden, den Eindruck einer stürmischen Umgebung. Das typische Glockengeläut, wenn vom Kirchturm die Rede ist, stört diese phantastisch-abstrakte Atmosphäre jedoch ein wenig.

Was die in „Conversations with Birds“ bald dominanten Vogelstimmen angeht, schafft es Phizmiz, ihnen eine wunderbare Ambivalenz einzuhauchen. Teils eindeutig von Instrumenten oder menschlichen Stimmen hervorgebracht, bleibt doch manchmal unbestimmt, ob nicht O-Töne aus dem Tropenhaus eines Zoos, der Vogelabteilung einer Tierhandlung oder aus der freien Natur Verwendung fanden. Im zweiten Satz klingt der flugunfähige Wellensittich, dessen „Sprache“ dem seine eigene Rolle sprechenden Phizmiz bei Bekannten von deren kleiner Tochter nähergebracht wird, täuschend echt.

Ergo Phizmiz taucht – abgesehen vom Einstieg – in jedem der Sätze als Figur auf. Er erzählt von einer Traumwelt, in der ihm etwa der Vater des polnischen Autors und Künstlers Bruno Schulz (1892 bis 1942) als Vogelmensch begegnet. Dann wieder – aus scheinbar wirklichkeitsverbundener Perspektive – berichtet er von hochbettbasierten Flugversuchen als Kind, die ihn zwei Schneidezähne gekostet haben: „Das Verlangen zu fliegen hat mir meine Würde genommen.“ Nicht nur die Würde, sondern auch seine Fähigkeit zu pfeifen hatte er damit verloren.

Damit man als Hörer aber nicht den Faden verliert, fügen die Mosaiksteine der Geschichte sich am Ende zu einem märchenhaften Gesamtbild. Bei einem Museumsbesuch wird Phizmiz von einem mehrsprachigen Vogel aufgefordert, ins Land der Mauersegler nach Guyana zu reisen. Hier übernimmt dann endgültig die Klangkunst die erste Geige.

Das Stück ist ein zauberhaftes Mosaik neuer, thematisch lose verbundener Märchen und kurzer Abhandlungen über das Pfeifen als künstlerischen und sprachlichen Ausdruck in einer wie nur selten stimmigen Deutsch-Englischen Mischform. Allerdings stört Phizmiz’ Vermengung von Fiktion und Realität manchmal – ein Resultat der starken Einbindung der nur unvollständig fiktionalisierten und überpräsenten Autorfigur. Das Gefühl, dass es hier vorrangig um Phizmiz selbst und ein überkommenes sympathetisches Naturverständnis geht, lässt einen nicht los. Letzteres scheint als vom Verstand abgekoppelte Gegenbewegung zum gescheiterten Konzept der totalen Naturbeherrschung zur Zeit jedoch en vogue zu sein. (Das Stück „Conversations with Birds“ ist im Hörspielpool auf der Website des BR weiterhin nachzuhören.)

Rafik Will – Funkkorrespondenz 42/2012

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