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Hörspieltipps

Bi-Ba-Bundesrepublik

Nicht nur Zeit wird zunehmend ein knappes Gut, sondern auch das Gefühl dafür. Da fragt sich mancher: Ist wirklich Feiertag? Wem der Blick in den Kalender nicht als Beleg reicht, der merkt es spätestens an den vielen, außerwerktäglichen Hörpiel- und Featuresendeplätzen bei den Anstalten der ARD und beim Deutschlandradio. So wird der freie Tag für den ein oder anderen dann vielleicht wirklich noch zum Feiertag.

Den Regiepreis der Kritiker (Ost) erhielt 1980 Fritz Göhler für seine Inszenierung von Jens Sparschuhs „Adieu mein König Salomo“ (Rundfunk der DDR), rbb-Kulturradio wiederholt das Hörspiel (3.10., 14h05). Bereits im Titel klingt an: Es handelt sich um die künstlerische Bearbeitung und Umsetzung der teils beunruhigenden Gedankengänge, die der französische Aufklärungsphilosoph Voltaire hatte, wenn er an Preußen und seinen Gastgeber König Friedrich II. dachte.

Auch ein Hörspiel aus der frühen BRD wird am Tag der deutschen Einheit wiederholt. hr2 bringt die Umsetzung von Georg Büchners „Leonce und Lena“ (3.10., 14h05, hr2). Illustrative Klanggestaltung und Sprecherstimmen, die man heute vielleicht als überartikuliert bezeichnen würde, werden von der Entstehungszeit verbürgt (hr 1952). Die Komödie über eine Flucht aus dem Sumpf gesellschftlicher Konventionen, die einen im Irrgarten des Lebens dann oft doch direkt wieder in diesen hineinführt schrieb Büchner 1836.

In der heutigen vorpommerschen Provinz spielt „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky (Ursendung, 3.10., 18h20, SWR2). Eine Lehrerin, der wegen des Mangels an Kindern in ihrer Gegend zunehmend die Klienten (also Schüler) fehlen, wirft in der Ruine ihres auseinanderbröckelnden Lebens plötzlich ein Auge auf eine Neuntklässlerin. Der WDR bringt am Abend die Ursendung eines Live-Hörspiels: „Die Ausrottung der Nachbarschaft“ (3.10., 20h05, WDR5) von Kai Magnus Sting. Darunter kann man sich vielleicht etwas vorstellen, wenn man neben einem fanatischen Volksmusiker wohnt.

Transitraum-Übergang“ (Ursendung, 3.10., 18h30, DKultur) ist das Feature von Marianne Weil überschrieben. Es widmet sich der Umbruchzeit nach der Wende, als manche Häuser besetzten, manche die Decke über den Kopf zogen, viele jubelten und wenige reich wurden. Zu diesen wenigen gehören auch ein paar ehemalige DDR-Honoratioren in Erich Loests Stück „Ratzel speist im Falco“ (3.10., 20h05, NDR Kultur). Die alten Herren weinen der Mauer nicht gerade nach, wollen sie aber doch wiederhaben.

Und endlich wird ein Sprichwort auch mal wahr, nämlich: Je später der Abend, desto schöner die Gäste. Der Bayerische Rundfunk bringt das Siegerstück des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2004, „STRIPPED – Ein Leben in Konztoauszügen“ (3.10., 21h, BR2) von Stefan Weigl. Hier ein Auszug aus der Begründung zur Juryentscheidung: „‚Stripped – ein Leben in Kontoauszügen’ ist ein Glücksfall für das Medium Radio, denn die künstlerische Verdichtung eines Sujets der Sozialreportage bei gleichzeitigem Verzicht auf literarische Ausgestaltung konnte in dieser Eindringlichkeit nur mit akustischen Mitteln gelingen. Weigl thematisiert die Verarmung inmitten einer Wohlstandsgesellschaft, ohne dabei sozial benachteiligte Randgruppen aufzusuchen, er zeigt den Mechanismus von Konsumzwängen auf (…) und er spielt gleichzeitig mit dem Voyeurismus des Reality-TV, ohne sich mit ihm gemein zu machen. Der Vortrag der eigenen Kontoauszüge eines Autors bricht auf radikale Weise mit der „heilen“ (scheinheiligen) Medienwelt und erlaubt erst die virulente, nicht nur betrachtend-beispielhafte Darstellung aktueller Missstände. Dass dies überzeugend gelingt, ist wesentlich der mutigen Gestaltung eines künstlerischen Experiments zuzuschreiben, das in seiner Machart Unikat bleiben dürfte.“

03.10.2012 hoerspieldesmonats.wordpress.com, Rafik Will

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