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Hörspiel des Monats

Hörspiel des Monats September 2012

Stéphanie Marchais: Ganz in meiner Haut

Aus dem Französischen von Angela Kuhk
Regie: Jörg Schlüter
Komposition: Ralf Haarmann
Redaktion: Ursula Schregel
Produktion: WDR 2012
Erstsendung: 29.09.2012, WDR 3
Länge: 52’56“

Die Begründung der Jury:

Nur beim Träumen sind sie „ganz in ihrer Haut“: die siebenjährige Tite die ihren gleichaltrigen Freund Sson heiraten will; ihre fünfeinhalb-jährige Schwester Tutite, ein „altes Kind“, das schon alles weiß, bis auf die Dinge der Liebe und schließlich Josh, der hormonell verwirrte Teenager, der seine Lehrerin Christine D. begehrt und zu seinen Eltern ein eher angespanntes Verhältnis hat.

Im Hörspiel der französischen Schauspielerin und Dramatikerin Stéphanie Marchais gebiert der Schlaf der Vernunft wieder einmal Ungeheuer: die Fluchtphantasie von Tite und Sson endet mit einer Geiselnahme am Flughafen, während Josh mit einer selbstgebastelten Bombe seine Schule in die Luft jagt, „um dem Planeten von allen unbedeutenden Existenzen zu befreien“, wie er sagt. Seine Eltern hat er an einen Heizkörper gekettet, während er auf die Polizei wartet.

Innere Monologe traumhafter sexualisierter Gewaltphantasien werden von reportierenden Passagen abgelöst. Die unterschiedlichen Geschichten berühren einander kaum. Die Zeitebenen wechseln ständig zwischen dem Davor, dem Während und dem Danach und so bleibt der Realitätsgehalt der Erzählung immer in der Schwebe. Dieser Eindruck wird durch die beunruhigend-surreale Besetzung der Kinderstimmen durch Erwachsene noch verstärkt.

Die Figuren und ihre Welt(en) trennt die Haut, eine fragile Membran, welche die von ihr umschlossenen Körper nicht mehr zusammenhalten kann, wenn die Druckdifferenz zu groß wird und sich explosiv entlädt. Dabei werden Welt und Körper gleichermaßen vernichtet – oder man schreckt aus einem bösen Traum hoch.

> Ausschnitt: Ganz in meiner Haut

Stéphanie Marchais

Das Stück wird am Dienstag, den 4. Dezember 2012 um 20.10 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) in einer gekürzten Version wiederholt.

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Eine lobende Erwähnung geht an die SWR-Produktion des Originalhörspiels „sich abarbeiten“ von Björn SC Deigner. Torben Kessler, Wolfgang Pregler und allen voran Sophie Rois interpretieren rhythmisch und melodisch, in Form einer Sprechoper, die zersplitterten und entpersonalisierten Bewusstseinszustände des Einzelnen in der postfordistischen Arbeitswelt.

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Über Hörspielkritik

Jochen Meißner, Hörspielkritiker. Autor und Herausgeber von Texten und Radiosendungen zu Theorie und Geschichte des Hörspiels.

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