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Rezensionen

Gruselige Idylle

Oliver Bukowski: Abseits der Route

Deutschlandradio Kultur, Mo 17.9.12, 21.35 bis 22.30 Uhr

Sie sind schon ein „struppiges Völkchen“, die Sorben aus dem Spreewald, mit „Meerrettich im Blut“ und offenbar immer mit einem Stumpen im Mund, der es ihnen abfordert, die Silben so zu zerkauen, dass sogar die anatomisch schwierige Lautkombination von l und r („lllrrrrrr“) möglich wird. In Oliver Bukowskis neuem Kriminalhörspiel „Abseits der Route“ begeben sich Kommissar Walter Schiefersatt (Jaecki Schwarz), der 14 Tage vor der Pensionierung steht und seinen Resturlaub abfeiert, und seine neue Flamme Reni (Marie Gruber) auf eine Kahnpartie durch den Spreewald. Doch Kahn und Besatzung sind nicht so zufällig zusammengestellt, wie es den Anschein hat und der Kurs, abseits der normalen Touristenrouten, führt Schiefersatt an den Schauplatz eines Verbrechens oder besser: gleich zweier Verbrechen – das erste hat allerdings schon vor 23 Jahren stattgefunden.

Ebenso langsam, wie die Boote durch die flachen Kanäle des Spreewaldes gestakt werden, entwickelt sich die Geschichte. Es gibt viel Lokalkolorit zu hören, vor allem der olle Kahnführer Wendrich (Wolfgang Winkler) zeichnet sich durch exzessiven Gebrauch des unterschätzten Verbums „tun“ aus. Aber auch Tochter und Schwiegersohn geben gern die autochthonen Hinterwäldler und hauen dabei – typisch Oliver Bukowski – den einen oder anderen Spruch raus. Dumm ist sie trotz aller Selbstbezichtigungen natürlich nicht, die Familie Wendrich, sondern eher hinterfotzig und verschlagen.

Kurz nach dem Fall der Mauer wollte ein Immobilienhai aus dem Westen die Wendrichs kräftig übers Ohr hauen, doch das ist dem Makler schlecht bekommen. Kommissar Schiefersatt war seinerzeit Ersthelfer vor Ort, konnte den an Herzversagen Sterbenden aber nicht wiederbeleben. Zufällig war seine Anwesenheit schon damals nicht, sondern sie war von Familie Wendrich ebenso penibel eingefädelt worden wie seine Anwesenheit auf dem Kahn heute. Sollte er einst den unwiderlegbaren Zeugen geben, ist seine Rolle heute eine andere – er hätte sich eben den alten Fall nicht noch einmal vornehmen dürfen. „Die Staatsmacht inne Familie integrieren“ – diese alte DDR-Strategie scheint aber doch nicht so richtig zu funktionieren. „In ihmchen denkt’s noch“, kommentiert der alte Wendrich, als Schiefersatt langsam klar wird, dass er diesen Ausflug vermutlich nicht überleben wird.

Im Gegensatz zu Bukowskis Hochgeschwindigkeits-Krimiserie „Serjosha und Schultz“ (vgl. FK 33-34/06) schlängelt sich der Plot in diesem 55-minütigen Hörspiel mühsam um die Windungen der Gewässer und spart dennoch (oder gerade deswegen) nicht mit überraschenden Wendungen. Alexander Schuhmacher, inzwischen so etwas wie der Hausregisseur von Bukowski-Texten, kommt auch mit diesem Tempo zurecht. Am besten hört man diesen Mundartkrimi wohl auf einem Spreewald-Kahn und gruselt sich ein bisschen in der Idylle.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 38/2012

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Über Hörspielkritik

Jochen Meißner, Hörspielkritiker. Autor und Herausgeber von Texten und Radiosendungen zu Theorie und Geschichte des Hörspiels.

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