//
Texte

Am eigenen Ast sägen

Wie man das Hörspiel unsichtbar macht

Neulich flatterte mal wieder eine CD mit einem neuen Hörspiel-„Tatort“ nebst Pressematerial (vierfarbig, Hochglanzdruck) auf den Schreibtisch diverser Medienbeobachter und Redaktionen, und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Die 2008 mit dem Konzept „ARD Radio Tatort“ gestartete Offensive der Mittelmäßigkeit hat wenigstens dazu geführt, dass hier die meisten Presseabteilungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Job machen. Zum Weinen ist dagegen, dass diese Abteilungen ihren Job zur Bewerbung echter Qualitätsprodukte eben nicht machen. Sogenannte „Events“ wie die Verhörspielung und Verhörbuchung des „Ulysses“ mal ausgenommen. Man kann diese Haltung sogar irgendwie verstehen, denn man investiert nur ungern Energie darin, das Hörspiel den klassischen Feuilletons schmackhaft zu machen, die schon seit Jahren so gut wie gar nicht darauf reagieren. Auch die Medienseiten der Tageszeitungen sind eher sporadisch an der Materie interessiert und müssen ihren begrenzten Platz ja auch noch mit Artikeln gegen den angeblich so verschwenderischen gebührenfinanzierten „Staatsfunk“ bespielen.

Wenn also die Presse ihre Arbeit nicht macht und weder die Leistungen des Radios würdigen noch dessen Fehlleistungen kritisieren will, ja oft nicht einmal mehr Programmhinweise druckt, dann müssen die ARD-Sender schon aus reiner Notwehr die „presseähnliche“ Programmbegleitung selbst in die Hand nehmen. Als das viel gelesene Berliner Stadtmagazin „Tip“ sein Fernsehprogramm von einer Beilage zu einem Teil des Heftes machte und dabei das Radioprogramm gleich mit wegsparte, ging ein Aufschrei durch die Leserschaft, weil man damit ein Alleinstellungsmerkmal (!) ohne Not aufgebe. Genützt hat es nichts.

Programmgeschichte nachvollziehen

Die Kulturfernsehsender Arte und 3sat gegeben eigene Programmzeitschriften heraus und auch die meisten öffentlich-rechtlichen Hörfunksender publizieren Programmbroschüren vierzehntäglich oder monatlich, quartalsweise oder halbjährlich. Aus denen kann man nicht nur dramaturgische Zusammenhänge und Konzepte entnehmen, sondern wird auch noch in Jahrzehnten die Programmgeschichte nachvollziehen, wenn alle Internet-Inhalte aufgrund rundfunkrechtlicher Vorschriften schon längst wieder de-publiziert worden sind. Und das ist leider keine theoretische Möglichkeit, wie ein Blick nach Süden zeigt: Seit dem 2. August ist die vorbildliche Hörspieldatenbank des Österreichischen Rundfunks (ORF) offline – auf Initiative der ORF-Rechtsabteilung selbst. Denn laut Paragraph 4e Abs. 3 des ORF-Gesetzes darf in Österreich der öffentlich-rechtliche Rundfunk „sendebegleitende Inhalte nur bis maximal dreißig Tage nach der Sendung“ ins Netz stellen. Ein Witz, bei einer Jahrzehnte zurückreichenden Datenbank.

Übrigens: Was das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) auf den Seiten von radio.ard.de ins Netz stellt, ist eigentlich eine Frechheit. „Fünf Mann Menschen“, das berühmteste „Neue Hörspiel“ von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, findet man dort überhaupt nicht und so manches andere auch nicht, weil das User-Interface, vulgo: die Suchfunktion, an der Grenze zur völligen Unbrauchbarkeit operiert. Maß aller Dinge ist immer noch die private Hörspieldatenbank „Hoerdat“ von Hörspielfan Herbert Piechot.

Während also vom großen Südwestrundfunk (SWR) bis zum kleinen Radio Bremen der jeweilige „ARD Radio Tatort“ emsig beworben wird, lag jetzt dem dritten Quartalsheft der Hörspielbroschüre des Hessischen Rundfunks (HR) ein Brief von Hörfunkdirektor Heinz Sommer bei, der die Einstellung eben dieser Broschüre mit dem nächsten Heft ankündigte. Grund: allgemeine Kostensteigerung bei gleichbleibenden Rundfunkgebühren. Es sei abzuwägen: „Kostensparen an einer Begleitpublikation über das HR-2-Programm oder sparen am HR-2-Programm selbst.“ Das unterstrichene „oder“ ist wohl als Ironiesignal zu interpretieren. Vielleicht fragt Heinz Sommer mal nach, wie die Künstler honoriert werden, die den HR-2-Hörspieltermin „The Artist’s Corner“ bespielen. So viel sei verraten: Sie werden nicht nach den üblichen Hörspielkonditionen bezahlt. Dass das HR Fernsehen sein Programmvermögen, will heißen: sein Archiv für die „hesslichsten Sendungen des deutschen Fernsehens“ (Stefan Niggemeier) plündert, sei hier nur am Rande bemerkt.

Doch der Hessische Rundfunk ist nicht die einzige Anstalt, die ihre Hörfunkpublikationen für verzichtbar hält. Die Hörspielabteilung des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) schickt seit der Einstellung ihrer MDR-Figaro-Monatsschrift „Triangel“ mit dem Dezemberheft 2011 nur noch ein paar hektographierte Blätter an einen ausgewählten Interessentenkreis. Und auch beim Deutschlandradio steht das umfangreiche Quartalsheft mit Informationen zu Hörspiel und Feature von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur auf der Abschussliste. Die Existenz der immer wieder hilfreichen Broschüre ist aber wenigstens vorläufig bis zum vierten Quartal 2013 gesichert. Traurig ist nicht nur, dass man beim Hessischen Rundfunk ein 64-seitiges Heftchen einstellt, das in einen „C6-lang“-Briefumschlag passt und in puncto Zugriffszeit und Übersichtlichkeit die Website von HR 2 locker schlägt. Noch trauriger ist, dass die kleine Broschüre (die früher auch mal großformatiger war) nicht aus dem Kommunikationsetat des HR bezahlt worden ist, sondern von der HR-Kulturabteilung selbst, und zwar aus Erträgen wirtschaftlicher Zweitverwertungen wie beispielsweise bei den Rechten für Audio-CDs. Am traurigsten aber ist, dass mit dem Verzicht auf die lesende Öffentlichkeit das Radio eine weitere Kerbe in den Ast sägt, auf dem es sitzt.

Das „ARD-Radiofestival“ und das Wahrheitsministerium

Der rundfunkpolitische Föderalismus hierzulande, der zu der lebendigsten Hörspielszene in ganz Europa geführt hat, wird – leider auch unter aktiver Mitwirkung der Betroffenen – durch Zentralisierungen wie den „ARD Radio Tatort“ und das „ARD-Radiofeature“ nachhaltig geschädigt. Die Krönung aber ist das sommerliche, bei den Kultur- bzw. Wortwellen veranstaltete sogenannte „ARD-Radiofestival“ – perfider hätte auch das Wahrheitsministerium in George Orwells Roman „1984“ die Selbstabschaffung des föderalen Kulturradios begrifflich nicht umwerten können. Auch in dem Roman geht es übrigens darum, die Vergangenheit so zu manipulieren, dass sie zu den aktuellen Interessen passt. Doch was wir aus der Frühzeit des Radios wissen, wissen wir vor allem auch aus dessen Publikationen, zum Beispiel aus der Zeitschrift „Die WERAG“ der einstigen Westdeutschen Rundfunk AG.

Fast könnte man vermuten, dass bei dem, was da momentan passiert, planmäßig die einzige Kunstform des Radios von den Rundfunkanstalten unsichtbar gemacht werden soll. Aber das ist wahrscheinlich Quatsch. Eher sieht es so aus, als bemühe man sich im geschützten Windschatten einer öffentlich finanzierten Institution zu überleben. Deren Interessen sind – organisationssoziologisch plausibel – in erster Linie auf die Aufrechterhaltung der eigenen Unternehmensstrukturen gerichtet; in zweiter Linie auf die Besetzung von Sendefrequenzen (damit sie kein anderer bekommt) und dann in dritter Linie noch darauf, ein möglichst billiges Programm zu machen, das die Systemumwelt nicht weiter irritiert.

Eine inhaltliche Idee von der verfassungsgerichtlich gestellten Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Allgemeinen und der des Kulturradios im Besonderen sucht man auf der Ebene der Entscheider allerdings vergebens. Stattdessen erkennt man ein Verhaltensmuster aus Kurzsichtigkeit, Gleichgültigkeit, Desinteresse am eigenen Produkt und vorschnellem Einknicken vor den Lobbyismen aus Verlagsbranche und Politik. Vielleicht sollte man sich darauf besinnen, dass Gebührengelder nicht dazu da sind, eingespart zu werden, sondern dazu, ein gesellschaftlich wichtiges und hochwertiges Produkt herzustellen. Und dieses Produkt darf man ruhig mal ins Schaufenster stellen und muss es nicht verschämt zwischen dem formatierten Alltagskram des täglichen Bedarfs verstecken.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 37/2012

P.S.: Den Trend zu „Ent-Substantiierung und De-Intellektualisierung“ des öffentlich-rechtlichen Kulturradio im Allgemeinen und die WDR-3-Reform im Besonderen hat Dietrich Leder in seinem Schwerpunktartikel Intellektuelle Hochrüstung – Was das Kulturradio leisten kann für den Fachdienst „epd medien“ großartig beschrieben und analysiert. Textprobe gefällig?:

Statt weiter auf die hoch spezialisierte Sachkenntnis etwa auf den Gebieten der Künste zu setzen, herrscht heute in der Personalpolitik so etwas wie eine intellektuelle Verkarstung vor, die wie im WDR Fachredaktionen – etwa durch die Zerschlagung der Programmgruppe Musik – auflösen. Statt auf fundiertes Wissen setzt man auf äußerste Flexibilität. Jeder Redakteur soll möglichst alles können und nicht zu viel wissen, so dass sie im Jubilar Jürgen Becker nur einen Kabarettisten und in seinem Sohn Boris einen Tennisspieler ausmachen und über diese familiäre Konstellation Bauklötze staunen, weil sie weder den Lyriker (und ehemaligen Hörfunkredakteur) noch den künstlerischen Fotografen kennen.

Ein einschlägiges Hörspiel zum Thema gibt es auch schon: Rafael Jové behauptet: „Das Radio ist nicht Sibirien“, Kritik hier.

Update 18.09.12
Der letzten Hörspielbroschüre (Nr. 4/2012) des Hessischen Rundfunks liegt ein Beiblatt mit folgendem Inhalt bei:

Liebe Hörerinnen und Hörer, zu der Einstellung der Hörspielbroschüre haben Herrn Dr. Sommer als Hörfunkdirektor und die Hörspielredaktion zahlreiche Briefe erreicht. Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir nicht jeden Brief persönlich beantworten können.
Im Editorial der voliegenden letzten Hörspielbroschüre weisen wir darauf hin, dass wir uns nicht nur um Ersatz für die gedruckte Fassung bemühen, sondern mit einem erweiterten Internetangebot und einem eigenen Newsletter sogar zusätzliche Informationsmöglichkeiten bieten wollen.
Ihre hr2-Hörspielredaktion

Im Editorial steht folgendes:

Die Nachricht, dass wir künftig leider keine gedruckte Hörspielbroschüre mehr anbieten können, hat Sie erreicht. Wir möchten Sie natürlich weiterhin über unsere Aktivitäten auf dem laufenden halten. Dabei wird unsere Website eine Hauptrolle spielen, auf der wir Sie umfassender als bisher über unsere Stücke und Autoren informieren werden. Wenn Sie darüber hinaus Interesse an einem regelmäßigen Hörspiel-Newsletter haben, schicken Sie bitte eine Mail an hr2@hr.de mit dem Stichwort Hörspielinformationen in der Betreffzeile.

Advertisements

Über Hörspielkritik

Jochen Meißner, Hörspielkritiker. Autor und Herausgeber von Texten und Radiosendungen zu Theorie und Geschichte des Hörspiels.

Diskussionen

2 Gedanken zu “Am eigenen Ast sägen

  1. DANKE, Jochen Meißner.

    Verfasst von Eine, die Radio liebt. | 18. September 2012, 11:22 am
  2. Auch ich nehme natürlich wahr, dass das Hörspiel auch im Radio schon bessere Zeiten erlebt hat. Im Grunde kann man Meißner daher nur zustimmen; Allerdings klammert seine Kritik in den o. a. Bereichen positive Effekte und die Änderungen im Rezeptionsverhalten aus.

    Natürlich ist es schade und bedauerlich, wenn sich Traditionen ändern. Man darf es natürlich beklagen, wenn die Hörspielbroschüren wegfallen – auch ich mag sie und würde diese vermissen. Andererseits darf man aber nach dem Nutzen dieser Broschüren fragen. Werden diese wirklich gebraucht?

    Wenn ich als Hörer das Programm jeder Rundfunkanstalt einzeln in der jeweilgen Publikation nachschlagen müsste, wäre ich arm dran. Der “rundfunkpolitischen Föderalismus” wäre mir hier viel zu unbequem. Zu Zeiten des reinen Funkbetriebs war das überschaubar – man bekam seinen Heimatsender und bei guter Wetterlage auch noch den Deutschlandfunk zu hören. Heute dürfte der Großteil der Hörspielhörer digital unterwegs sein, gönnt sich die Möglichkeiten Hörspiele via Internet zu hören, aufzunehmen und downzuloaden. Man findet hier viel bequemer den Zugang zum Programm, da diverse Anbieter das Radioprogramm passend aufarbeiten. Von hoerdat, phonostar bis zu meiner hoerspieltipps.net gibt es Möglichkeiten auf dem Laufenden zu bleiben. Selbst die ARD bietet einen Radiohörspielkalender, der die Informationen bündelt. Das mag der “lesenden Öffentlichkeit” nicht immer genügen, allerdings halte ich den Personenkreis, der diese Publikationen wirklich liest, für überschaubar.

    Auch bei den übergreifenden Formaten gibt es durchaus auch positive Aspekte. Gerade beim Radiotatort sehe ich – nach anfänglicher Skepsis – eine erfreuliche Entwicklung. Zum einen ist der Radiotatort meines Erachtens durchaus ein Qualitätsprodukt (geworden). Die Stoffe wurden und werden immer besser und auch die Umsetzungen haben sich vom Krimieinerlei doch angenehm entfernt. Den Begriff “Offensive der Mittelmäßigkeit”, wie Meißner die Reihe bezeichnet, halte ich für falsch, zumindest aber für zu stark überzogen.

    Das Positivste ist aber, dass der Radiotatort die Leute zum Hörspiel zurückbringt. In den Rückmeldungen zum meiner Seite melden sich viele, die durch den Radiotatort überhaupt erst entdeckt haben, dass das Radio auch interessante “hörbare” Hörspiele bietet und sich nicht nur in elitärem Kunstkram ergeht. Daher sehe ich den Radiotatort als Werbung für das Medium und eben nicht als den Auftakt zum Untergang.

    In diesen Einzelpunkten kann ich der Kritik nicht zustimmen, ich hätte sie an anderen Punkten festgemacht.

    Verfasst von hoerspieltipps | 15. September 2012, 9:37 pm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: