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Rezensionen, Texte

Klangkunst ohne lästige Funktionalität

Gabi Schaffner: Otto Mötö. Im Universum finnischer Motorenmusik. Aus den Archiven des Martti Mauri (1935-2003)

HR 2 Kultur, So 19.08.12, 14.05 bis 15.05 Uhr

Er muss schon ein merkwürdiger Typ gewesen sein, dieser Martti Mauri, Sohn eines Farmers auf der finnischen Halbinsel Kuokkala bei Jyväskyla, der als Angestellter eines Elektrizitätswerks arbeitete, sich in seiner Freizeit aber mit Motoren beschäftigte. Glaubt man der Klangkünstlerin und Hörspielmacherin Gabi Schaffner, dann gehörte Mauri (1935-2003) zu den Pionieren des Industrial Techno und des Field-Recording-Undergrounds. Sein berühmtestes Stück sei das Werk „Otto Mötö“, das er 1975 zum 100. Jahrestag der Konstruktion des Ottomotors komponiert habe.

In der Form eines klassischen Radiofeatures spürt die Autorin der Figur des Martti Mauri nach. Was nicht so einfach ist, denn, zum einen ist der Mann seit fast zehn Jahren tot (Autounfall, was sonst), und zum anderen ist das Archiv mit seinen Bandaufnahmen 2005 in die Luft geflogen. Also muss sie sich auf Spurensuche im internationalen Umfeld von Neuer Musik und Minimal Techno machen, die natürlich beide nicht unerheblich von Mauri beeinflusst worden sein sollen. Ein Krakauer Bademeister, der sich für die Sounds von Unterwassermotoren interessierte, gehört ebenso zur Mauri-Fangemeinde wie eine finnische Musikband namens Vaaleanpunainen Kohina (alias Pink Twins) und eine österreichische 12-Ton-Komponistin, die „atonole Unfälle“ für Lastwagen und Geigerzähler komponiert hat. Wenigstens die Band scheint es tatsächlich zu geben. Denn wenn man die Namen von Martti Mauris angeblichen Zeitgenossen googelt, wird man (mit Ausnahme der Pink Twins) immer nur auf eines verwiesen: das knapp 60-minütige Hörspiel „Otto Mötö“ von Gabi Schaffner nach einer Idee von Martin Moritz.

In Zeiten des Internets ist es nicht mehr so einfach, eine Legende um ein großes unbekanntes und natürlich auch verkanntes Genie zu erschaffen. Gabi Schaffners Hörspiel in Featureform setzt desillusionierende Signale nur äußerst sparsam ein und die Autorin arbeitet in ihrer ersten Regiearbeit lieber mit feiner Ironie. Elemente des Radiofeatures wie die detailverliebte Schilderung von Recherche-Ergebnissen (etwa die exakten Typenbezeichnungen der Motoren und der Tonbandgeräte) treffen auf Interpretationen, deren hochgestochener Duktus aus Metaphern, die nicht einmal von ihren Autoren verstanden werden, an Ausstellungskataloge erinnert (zum Beispiel „strange attractor“). Lediglich die offensiv schlecht geschauspielerten bzw. synchronisierten Interviews werfen einen aus dem fiktiven Universum finnischer Motorenmusik.

Denn eben diese Motorenmusiken, die von insgesamt acht deutschen und finnischen Musikern komponiert wurden, bilden das Zentrum des Stücks. Großartig der Titeltrack „Otto Mötö“, der „das Mysterium des Verbrennungsmotors“ und dessen „mechanische Erotik“ feiert und zugleich als „dokumentarisches Requiem auf den Motorenkult des 20. Jahrhunderts“ zu betrachten ist. Aber auch die „Rasenstücke 1-5“ für Gartengeräte und spektrale Rasenmäher finnischen und deutschen Fabrikats demonstrieren, wie viel Spaß Motoren machen können, wenn man auf ihre lästige Funktionalität (Fortbewegung, Gartenpflege etc.) verzichten kann.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 35/2012

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Über Hörspielkritik

Jochen Meißner, Hörspielkritiker. Autor und Herausgeber von Texten und Radiosendungen zu Theorie und Geschichte des Hörspiels.

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Klangkunst ohne lästige Funktionalität

  1. Wunderbare Sendung und nach der Recherche über Deutschlandfunk und hr zur Sendung muss ich feststellen, dass alles erdacht ist… eigentlich auch irgendwie schade! Es klang vielversprechend gut. Hut ab Frau Schaffner.
    Ich hätte gerne gewußt, ob es solche Kompositionen zu beziehen gibt, es muss ja wohl anscheinend Musiker geben, die sich mit der Maschinenmusik beschäftigt haben, vielleicht gibt es ja inzwischen schon einen „Martti Mauri FanClub“ ?.
    Mit musikalisch neugierigen Grüßen J. Huneke

    Verfasst von Julia Huneke | 19. November 2012, 8:10 pm

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