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Hörspiel des Monats

Hörspiel des Monats Mai 2012

Heinz von Cramer: Unerwartete Ereignisse – Eine schwarze Komödie
Regie: Burkhard Schmid
Redaktion: Peter Liermann
Produktion: HR 2012
Erstsendung: 20.05.2012, HR 2
Länge: 50’16“

Die Begründung der Jury:

Heinz von Cramers „Unerwartete Ereignisse“ ist Glücksfall und Wagnis zugleich. Das vom Hessischen Rundfunk produzierte Hörspiel des 2009 verstorbenen Autors und Regisseurs erweist in der Form der utopischen Literatur dem Genre der schwarzen Komödie mit all ihren gezielten Tabubrüchen und Geschmacklosigkeiten seine Reverenz. Zugleich bedient und unterläuft Heinz von Cramer dabei subtil die Erzählweisen des klassisch-konventionellen Hörspiels.

Das „unerwartete Ereignis”, das dem namenlosen Protagonisten (Martin Reinke) als erstes zustößt, ist der plötzliche Tod seiner Frau, bei deren Betrachtung er sich mit einem Messer tief in die Hand schneidet. Beide Male empfindet er keinen Schmerz und ist damit keineswegs allein. Denn die Gesellschaft in Heinz von Cramers Hörspiel nähert sich dem Zustand absoluter Schmerz- und Empathielosigkeit. Selbst die klassisch-bildungsbürgerliche Reise des Protagonisten und seines Buchhändlerfreundes (Felix von Manteuffel) nach Italien ist kein Ausweg. Der Ort des alteuropäischen kulturellen Erbes ist vom Staub zerschredderten Mülls bedeckt. Mit dem Verlust von Liebe, Hass und Schmerz im realen Leben ist man auch deren künstlerischen Überformungen gegenüber unempfänglich. Mit fasziniertem Unverständnis hört der Protagonist in Florenz der grotesken Erzählung eines Priesters zu, der von der „wundersamen” Selbstkreuzigung von Kindern im Kommunionsalter erzählt, nur unterbrochen von hellem Kinderlachen im Hintergrund.

Der amerikanische Künstler Robert Smithson hat für Monumente, deren Architektur „modern“ ist und die gleichzeitig und paraodoxerweise längst verfallen sind, einmal den Begriff „ruins in reverse“ („umgekehrte Ruinen”) geprägt. Die Monumente der Moderne evozieren demnach im Unterschied zu den Ruinen der Romantik keine Sehnsucht nach der Vergangenheit, vielmehr werfen sie die Frage auf, was kommt, wenn selbst das vorbei ist, was eine Zukunft versprach oder Traditionen verabschiedete. Heinz von Cramers akustische Erzählung in der Regie von Burkhard Schmid deutet an, dass man derartigen Fragen und Verlustszenarien allenfalls mit schwarzem Humor beikommt.

Heinz v. Cramer, Foto Jonas Maron

Heinz von Cramer

Soundbite: Unerwartete Ereignisse

Das Hörspiel wird am Dienstag, den 7. August um 20.10 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Leicht bearbeitete Fassung der Jurybegründung vom 31. Mai 2012.

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Über Berit Schuck

Berit Schuck ist studierte Literaturwissenschaftlerin, Dramaturgin und Kuratorin von Kunst-, Theater- und Kulturprojekten.

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