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Rezensionen

Das Scheitern im Kleinen

Lorenz Schröter: Zum toten Juden. Hörspielreihe „Schämt Euch!“
WDR 5, Di 17.4.12, 20.05 Uhr

Manchmal hat man Glück mit dem Timing. Kurz vor Ostern veröffentlichte Günter Grass unter anderem in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Gedicht („Was gesagt werden muss“), allerorten Kopfschütteln hervorgerufen hat, und kurz darauf beginnt in den WDR-Programmen 1Live, WDR 3 und WDR 5 unter dem Titel „Schämt Euch!“ eine Hörspielreihe über „Schamgrenzen und Beschämendes, Schuldzuweisungen und Abwehrstrategien“. Der Affekt „Fremdschämen“ – der selbst die wenigen Verteidiger des einst so sprachmächtigen Literatur-Nobelpreisträgers überkommen hat – fehlt dabei allerdings. Dafür gibt es jedoch mit Lorenz Schröters bei WDR 5 ausgestrahltem Hörspiel „Zum toten Juden“ eine sehr intelligente Komödie, die all die Verdruckstheiten karikiert, die entstehen, wenn man sich verzweifelt bemüht, auf dem verminten Gelände deutsch-jüdischer Sprachregelungen nicht ins Fettnäpfchen zu treten, will heißen: nicht in die Luft zu fliegen.

Schon in der ersten Szene von Schröters Stück werden die Einwohner eines kleinen westfälischen Dorfes in eine ausweglose und nicht zuletzt deshalb komische No-win-Situation katapultiert: Bei der Sanierung eines Fachwerkhauses wird unter dem Putz eine Inschrift freigelegt. Offensichtlich hieß das Gasthaus „Zur alten Post“ früher „Zum toten Juden“. Wie nun umgehen mit diesem Menetekel an der Wand?, fragt sich die um Political Correctness bemühte Einwohnerschaft. Die „verhängnisvolle Schrift“ – die wohl um 1800 entstanden, also keine Nazi-Schmiererei ist – ignorieren und übermalen? Oder sie erhalten und auf natürlich Art verblassen lassen? Es wird sogar vorgeschlagen, sie zu affirmieren und die Kneipe mit den Porträts berühmter Juden vollzuhängen (Mendelsohn, Einstein, Kafka, Tucholsky etc.). Warum? Darum: „Die meisten der berühmten Juden sind tot.“

Wenn man alles nur falsch machen kann, holt man sich Rat. Also hängt sich der Bürgermeister ans Telefon und begibt sich auf die Suche nach einem Experten, am besten einem jüdischen. „Broder, Brumlik, Biller“ werden ihm da empfohlen – zufällig beginnen alle Namen mit B, wie auch das Dorf, das offensichtlich identisch ist mit dem „Dorf B.“ aus Annette von Droste-Hülshoffs Novelle „Die Judenbuche“ aus dem Jahr 1842. Neben dem Bürgermeister bemühen sich ein pensionierter Geschichtslehrer und seine Frau, eine ehemalige Philosophie-Studentin (Ex-Sängerin einer Velvet-Underground-Coverband), die Geschenkeladen-Besitzerin, ihre Tochter und der Kaffehausbesitzer nach Kräften, nichts falsch zu machen. Schon bei Loriot war das Scheitern im Kleinen eine der Grundvoraussetzungen für große Komik.

Lorenz Schröter trifft genau den Ton bildungsbürgerlichen Bemühens und braucht nur geringfügige Übertreibungen, um der Situation ihr komisches Potenzial zu entlocken. Die Figuren sind ziemlich uncool, aber nicht unsympathisch. Lediglich ihr Beziehungsgeflecht untereinander bleibt irritierend fragmentarisch und thematisch letztendlich irrelevant. Die Ehebruchsgeschichte entweder ganz zu streichen oder sie auszubauen, wäre hier zum Beispiel eine Alternative gewesen. Denn bei dem nur 47-minütigen Hörspiel (Regie: Thomas Wolfertz) wären noch acht Minuten übrig bis zum Ende eines Standardhörspieltermins. Nicht nur wegen des aus der deutsch-jüdischen Geschichte resultierenden Grundkonflikts haben die Einwohner des Dorfes B. keine Chance. Denn gegen Ende des Hörspiels offenbart sich der Erzähler (Matthias Bundschuh) als der Autor von allem. Er ist der, der den Einwohnern die ganze Suppe mit der Inschrift eingebrockt hat. Ein etwas schlampiger Autor übrigens, der sich als „Geist des Hauses“ inszeniert hat und doch nur immer wieder den Blindtext raunen kann, den jeder kennt, der schon einmal eine Schülerzeitung layoutet hat: „Lorem ipsum dolor sit amet …“ Kein Wunder, das ihn die eigenen Figuren darauf hinweisen, dass er dringend eine Lektorin brauche.

Lorenz Schröter will viel. Neben der wahren Geschichte des Dorfes, die schon Annette von Droste-Hülshoff für ihre Novelle benutzt hatte, wird noch der literaturtheoretische „Wen-kümmert’s,-wer-spricht“-Diskurs angerissen – und gegen die Macht der Schrift, das heißt hier: die Macht des Schriftstellers ausgespielt. Auch die Tradition jüdischer Philosophie und Mystik von Moses Maimonides (1138 bis 1205) über Issak Luria (1534 bis 1572) bis zu Gershom Scholem (1897 bis 1982) spielt keine geringe Rolle. Und schließlich wird auch jenseits der Komödie die politische Dimension deutsch-jüdischer Geschichte ernsthaft verhandelt. Eigentlich müsse, so der Erzähler/Autor, über dem ganzen Land „Zum toten Juden“ stehen, weil die Geschichte der Vernichtung das „nationale Unterbewusstsein“ präge. Doch es ist nicht die tragische Dimension der Wiederkehr des Verdrängten, die in dem Hörspiel das letzte Wort hat, sondern die komödiantische. Am Schluss ist der Bürgermeister immer noch auf der Suche nach einem jüdischen Experten, um sein Problem mit der Fassade des Gasthauses zu lösen.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 16/2012

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Über Hörspielkritik

Jochen Meißner, Hörspielkritiker. Autor und Herausgeber von Texten und Radiosendungen zu Theorie und Geschichte des Hörspiels.

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